Laser-Dilatometrie: Präzise Charakterisierung von High-Tech-Gläsern durch kontaktlose Thermoanalyse

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Die Entwicklung moderner Glaswerkstoffe stellt höchste Anforderungen an die analytischen Methoden. Besonders bei empfindlichen High-Tech-Gläsern, Dünnschichten oder mikrostrukturierten Glaskeramiken stoßen klassische Messverfahren schnell an ihre Grenzen. Die Laser-Dilatometrie hat sich als wegweisende Technologie etabliert, die diese Herausforderungen durch kontaktlose, hochpräzise Messungen meistert.

Technologische Grundlagen und Messprinzip

Das Laser-Dilatometer nutzt einen fokussierten Laserstrahl zur berührungsfreien Erfassung von Längenänderungen während definierter Temperaturzyklen. Über Laser-Triangulation registriert das System mikroskopische Dimensionsveränderungen mit einer Auflösung bis in den Nanometerbereich. Diese Methodik eliminiert systematische Fehler durch mechanischen Kontakt vollständig und ermöglicht die Analyse selbst empfindlichster Materialien ohne jegliche Beeinträchtigung.

Die Vielseitigkeit der Methode zeigt sich in der Kompatibilität mit unterschiedlichsten Probengeometrien und -größen. Selbst Materialien mit unregelmäßiger Form, geringer Masse oder speziellen Oberflächeneigenschaften können zuverlässig charakterisiert werden (FunGlass, 2024). Variable Atmosphärenführung unter Luft, Schutzgas oder Vakuum erweitert das Anwendungsspektrum auf reaktive Glasmaterialien.

Präzise Bestimmung kritischer Glasparameter

Glasübergangstemperatur (Tg)

Die Bestimmung der Glasübergangstemperatur erfolgt über die charakteristische Knickstelle im Ausdehnungsdiagramm. Moderne Auswertealgorithmen wie die Zwei-Tangenten-Methode, nichtlineare Fits oder differenzialanalytische Verfahren ermöglichen eine präzise Quantifizierung selbst bei komplexen Übergängen (Linseis, 2024b). Die hohe Datenqualität des Laser-Dilatometers macht dabei differenzierte Analysen möglich, die mit konventionellen Methoden nicht erreichbar sind.

Softening Point und weitere thermische Eigenschaften

Der Erweichungspunkt manifestiert sich als Maximum der ersten Ableitung der Längenänderung und kann mit der Laser-Dilatometrie besonders präzise identifiziert werden. Diese hohe Auflösung erweist sich als entscheidend bei der Charakterisierung multi-phasiger oder gradueller Glasübergänge in modernen High-Tech-Gläsern.

Darüber hinaus ermöglicht die Methode die detaillierte Untersuchung weiterer Phänomene wie fiktive Temperatur, strukturelle Relaxation, anisotrope Ausdehnung sowie reversible und irreversible Umwandlungen (FunGlass, 2024). Moderne Analysealgorithmen unterstützen dabei die präzise Quantifizierung dieser komplexen thermischen Eigenschaften (ScienceDirect, 2024).

Anwendungsfelder in Industrie und Forschung

Die kontaktlose Laser-Dilatometrie hat sich in verschiedenen Hightech-Bereichen als unverzichtbar erwiesen:

Optische Gläser und Glasfasern profitieren von der Möglichkeit, Spannungsabbau und Relaxationsprozesse unter exakt definierten Atmosphären ohne mechanische Einflüsse zu untersuchen (FunGlass, 2024). Diese Präzision ist essentiell für die Qualitätssicherung optischer Komponenten.

Biomedizinische Gläser mit kleinsten Probengrößen und spezifischen optischen Eigenschaften erfordern berührungsfreie Analytik zur Entwicklung von Implantatgläsern und biokompatiblen Materialien.

Elektronische Anwendungen wie Leiterbahngläser profitieren von der automatisierbaren Datenintegration und hohen Präzision, die F&E-Zyklen erheblich beschleunigt.

Wissenschaftliche Validierung und Normierung

Die Laser-Dilatometrie ist in internationalen Normen wie ASTM E228 und DIN/ISO 7884 als Referenzmethode für Glas, Keramik und Komposite etabliert. Ergänzende Standards wie ASTM E1356 für DSC-basierte und ASTM E1545 für thermomechanische Tg-Bestimmung (ASTM International, 2023; ASTM International, 2022) sowie ISO 11359-2 für dilatometrische Messungen (ISO, 2019) bilden das normative Fundament moderner Glascharakterisierung. Der Verzicht auf systematische Kontaktfehler ermöglicht internationale Vergleichbarkeit der Ergebnisse und macht die Methode zum Goldstandard für anspruchsvolle Materialcharakterisierung.

Die Integration in moderne Smart-Lab-Umgebungen durch digitale Datenauswertung und Vernetzungsmöglichkeiten unterstützt zeitgemäße Labor- und Produktionsabläufe.

Vergleich mit konventionellen Dilatometrie-Verfahren

Traditionelle Schubstangen-Dilatometer oder optische Verfahren stoßen bei empfindlichen Glasmaterialien schnell an ihre Grenzen. Mechanische Kontaktverfahren können Spannungen in die Probe einbringen, die das Messergebnis verfälschen oder bei dünnen Schichten sogar zu Beschädigungen führen. Die nachfolgende Gegenüberstellung verdeutlicht die Vorteile der Laser-Dilatometrie:

Schubstangen-Dilatometrie:

  • Mechanischer Kontakt kann Probe beeinflussen
  • Begrenzte Auflösung (typisch 10-50 nm)
  • Problematisch bei weichen oder zerbrechlichen Materialien
  • Eingeschränkte Probengeometrie

Optische Dilatometrie (klassisch):

  • Abhängig von Probenoberfläche und Transparenz
  • Weniger präzise bei kleinen Proben
  • Begrenzte Temperaturführung
  • Begrenzte Auflösung (0.1 – 0.5 µm)


Laser-Dilatometrie:

  • Vollständig kontaktlos
  • Nanometer-Auflösung
  • Vielseitige Probengeometrien möglich
  • Präzise Atmosphärenkontrolle

Praktische Messtipps und Probenvorbereitung

Für optimale Messergebnisse sind einige praktische Aspekte zu beachten:

Probenvorbereitung: Die Probenoberfläche sollte für eine stabile Laserfokussierung geeignet sein. Bei sehr glatten oder transparenten Oberflächen kann eine minimale Oberflächenbehandlung (z.B. eine leichte Aufrauung der Oberfläche) die Signalqualität verbessern.

Temperaturführung: Die Heizrate beeinflusst die Auflösung der thermischen Übergänge erheblich. Langsamere Heizraten (1-5 K/min) ermöglichen präzisere Tg-Bestimmungen, während schnellere Raten für Screening-Anwendungen geeignet sind.

Atmosphärenwahl: Die Wahl der Messatmosphäre ist besonders bei oxidationsempfindlichen Gläsern oder Glaskeramiken kritisch. Inertgasatmosphären verhindern unerwünschte chemische Reaktionen während der Messung.

Datenauswertung: Moderne Software ermöglicht automatisierte Auswertungen, jedoch sollten kritische Übergänge manuell validiert werden, insbesondere bei komplexen Glassystemen mit mehreren Übergängen.

Wirtschaftliche Betrachtungen und ROI

Die Investition in ein Laser-Dilatometer amortisiert sich durch verschiedene Faktoren:

Zeitersparnis: Automatisierte Messabläufe und präzise Ergebnisse beim ersten Versuch reduzieren Wiederholungsmessungen und beschleunigen Entwicklungszyklen.

Probenverluste: Da keine mechanische Beschädigung auftritt, können wertvolle oder schwer herstellbare Proben mehrfach gemessen werden.

Qualitätssicherung: Die hohe Reproduzierbarkeit reduziert Reklamationen und verbessert die Produktqualität nachhaltig.

Forschungseffizienz: Die Möglichkeit zur Charakterisierung zuvor nicht messbarer Materialien eröffnet neue Forschungsfelder und Produktentwicklungen. Universitäre Forschungseinrichtungen wie das Plasma Forming Laboratory der Florida International University nutzen diese Technologie zur Untersuchung von Phasenübergängen und thermischen Ausdehnungskoeffizienten (FIU, 2023).

Technische Herausforderungen und innovative Lösungen

Spezielle Algorithmen und angepasste Laseroptik minimieren Reflexionsartefakte auch bei hochtransparenten oder hochpolierten Gläsern. Die fortschreitende Miniaturisierung macht Laser-Dilatometer ideal für die Analyse von Mikrobauteilen, Fasern und glasbasierten MEMS-Komponenten.

Herausforderung Transparenz: Hochreine optische Gläser reflektieren den Laserstrahl nur minimal. Moderne Systeme kompensieren dies durch adaptive Laserleistung und Signal-Enhancement-Algorithmen.

Miniaturisierung: Mit der zunehmenden Verkleinerung von Bauteilen wachsen die Anforderungen an die Messauflösung. Aktuelle Laser-Dilatometer erreichen bereits Auflösungen unter 1 nm und können somit auch kleinste thermische Effekte erfassen.

Zukunftsperspektiven und Entwicklungstrends

Die Laser-Dilatometrie entwickelt sich kontinuierlich weiter. Aktuelle Trends umfassen:

Künstliche Intelligenz: Machine Learning-Algorithmen unterstützen zunehmend bei der automatischen Erkennung und Klassifizierung thermischer Übergänge, besonders bei komplexen Mehrkomponentensystemen.

Multisensor-Integration: Kombination mit anderen Analyseverfahren wie DSC oder TMA in einem Gerätesystem für umfassende Materialcharakterisierung. Aktuelle Forschungen der American Ceramic Society zeigen vielversprechende Ansätze zur Kombination verschiedener thermischer Analysemethoden (American Ceramic Society, 2024).

Digitale Zwillinge: Integration der Messdaten in digitale Materialmodelle für predictive Materialentwicklung und Prozessoptimierung.

Industrie 4.0-Anbindung: Vollständige Integration in Smart Factory-Konzepte mit Echtzeitdatenübertragung und automatischer Qualitätsbewertung.

Fazit

Die Laser-Dilatometrie etabliert sich zunehmend als Standardverfahren in der Charakterisierung empfindlicher Glaswerkstoffe. Ihre Kombination aus kontaktloser Messung, extremer Präzision und vielseitiger Anwendbarkeit macht sie zum unverzichtbaren Werkzeug für die Entwicklung und Qualitätssicherung moderner High-Tech-Gläser. Die internationale Normierung und wissenschaftliche Anerkennung unterstreichen die Bedeutung dieser innovativen Analysetechnologie für die Zukunft der Glasforschung und -entwicklung.

Referenzen

  1. American Ceramic Society. (2024). Modeling teaches old dogs new tricks: Viscosity predictions from dilatometry and DSC. Ceramic Tech Today. Abgerufen von https://ceramics.org/ceramic-tech-today/viscosity-predictions-from-dilatometry-and-dsc/
  2. ASTM International. (2022). ASTM E1545 Standard Test Method for Assignment of the Glass Transition Temperature by Thermomechanical Analysis. Abgerufen von https://store.astm.org/e1545-22.html
  3. ASTM International. (2023). ASTM E1356 Standard Test Method for Assignment of the Glass Transition Temperatures by Differential Scanning Calorimetry. Abgerufen von https://www.astm.org/e1356-23.html
  4. FIU – Florida International University, Plasma Forming Laboratory. (2023). Dilatometry Analysis of materials. Abgerufen von https://pfl.fiu.edu/dilatometry-analysis-of-materials
  5. FunGlass – Centre for Functional and Surface-Functionalized Glass. (2024). Forschungsprojekt FunGlass. Abgerufen von https://www.funglass.eu
  6. ISO – International Organization for Standardization. (2019). ISO 6721-11:2019 – Plastics — Determination of dynamic mechanical properties — Part 11: Glass transition temperature. Abgerufen von https://www.iso.org/standard/74988.html
  7. ScienceDirect. (2024). Dilatometry – an overview. ScienceDirect Topics. Abgerufen von https://www.sciencedirect.com/topics/materials-science/dilatometry

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