Maßgeschneiderte Thermoanalyse für die Nuklearindustrie

Linseis realisiert simultane Thermowaage (STA) mit Roboter-kompatiblem Leichtbauofen

Wo Standard-Messgeräte an ihre Grenzen stoßen, beginnt unsere Sonderkonstruktion: Für eine vollautomatisierte Glovebox-Anwendung im Nuklearsektor hat Linseis eine Simultane Thermowaage (STA) mit einem speziell entwickelten Leichtbauofen realisiert – die trotz einer Gewichtsbegrenzung von weniger als 5 kg die hohen Anforderungen an Temperaturhomogenität, Heiz- und Kühlraten sowie Messgenauigkeit erfüllt.

 

Dr.-Ing. Vincent Lisneis

Fachautor: Dr.-Ing. Vincent Linseis 

Bio: Geschäftsführer und Head of R&D bei Linseis Messgeräte GmbH

Alexandra Herrmann

Autor: Alexandra Herrmann

Bio: Head of Marketing bei Linseis Messgeräte GmbH

In der Nuklearindustrie und Hochsicherheits-Laborautomation gelten für Messgeräte strenge Vorgaben: Radioaktive oder toxische Proben werden in isolierten Schutzumgebungen (Gloveboxen oder Hot Cells) verarbeitet, und der direkte menschliche Kontakt wird durch den Einsatz von Spezialrobotern und Manipulatoren vermieden.

Beispielfoto eines Messgerätes in einer Glovebox
Beispielfoto eines Messgerätes in einer Glovebox

Für ein Projekt im Bereich der Nuklear-Robotik stand das Ingenieursteam von Linseis vor einer besonderen konstruktiven Herausforderung: Die Integration einer Simultanen Thermowaage (STA) in eine Glovebox. Aufgrund der maximalen Traglast des Roboters durfte der Ofen weniger als 5 kg wiegen. Gleichzeitig stand nur ein sehr begrenzter Bauraum zur Verfügung. Während sich diese Randbedingungen konstruktiv lösen lassen, liegt die eigentliche Herausforderung in der Thermodynamik des Systems.

Um diese Anforderung zu erfüllen, entwickelte Linseis eine kundenspezifische Sonderanfertigung. Durch den Einsatz innovativer Dämmmaterialien, einer hochkompakten Geometrie und einer gewichtsoptimierten Gehäusekonstruktion konnte das Gesamtgewicht des Ofens auf unter 5 kg reduziert werden – ohne Abstriche bei der Messgenauigkeit, Temperaturbeständigkeit und Signalstabilität.

Die eigentliche Herausforderung: Thermische Performance trotz Leichtbau

Bei Messungen in einer Thermowaage entscheidet die Temperaturqualität im Ofen unmittelbar über die Genauigkeit der Messergebnisse. Ein leichter und kompakter Ofen besitzt naturgemäß eine geringere thermische Masse und weniger Raum für Isolationsmaterialien. Dadurch werden eine hohe Temperaturhomogenität, eine reproduzierbare Temperaturführung sowie schnelle Temperaturwechsel erheblich erschwert.

Gerade bei transienten Temperaturprogrammen mit hohen Heiz- und Kühlraten entstehen starke thermische Gradienten, die das Messergebnis beeinflussen können. Für präzise Messungen müssen diese Effekte jedoch minimiert werden.

Das Entwicklungsziel bestand deshalb nicht allein darin, einen möglichst leichten Ofen zu konstruieren, sondern ein System zu entwickeln, das trotz der extremen Randbedingungen die gleiche thermische Leistungsfähigkeit bietet wie deutlich größere Standardöfen.

STA simultane Thermoanalyse für Nuklearforschung mit Leichtbauofen
Simultane Thermowaage mit Sonderkonfiguration eines Leichtofens mit einem max. Gewicht von 5 kg

Allgemeine Einsatzbereiche einer Nuklear-STA

Über das beschriebene Projekt hinaus deckt eine Nuklear-STA ein breites Spektrum an Anwendungen in Forschung, Betrieb und Rückbau kerntechnischer Anlagen ab:

  • Sicherheits- und Phasenanalysen von Kernbrennstoffen: Untersuchung des thermischen Verhaltens, von Phasenübergängen und Schmelzpunkten neuer oder bestrahlter Brennstoffe (z. B. Uran-/Plutoniummischoxide) sowie von Hüllrohrmaterialien unter extremen Temperaturbedingungen.
  • Forschung an neuartigen Reaktormaterialien: Prüfung der Hochtemperaturbeständigkeit, Oxidation und thermischen Zersetzung von Speziallegierungen, Graphiten oder Keramiken, wie sie in Generation-IV-Reaktoren oder Fusionskonzepten eingesetzt werden.
  • Konditionierung und Verglasung radioaktiver Abfälle: Thermoanalytische Charakterisierung von Schmelzprozessen (z. B. Borosilikatgläser oder Keramikmatrizen), um hochradioaktive Abfälle für die sichere Langzeit-Endlagerung dauerhaft und stabil einzubetten.
  • Qualitäts- und Sicherheitskontrolle im Rückbau (Decommissioning): Analyse kontaminierter Materialien und Proben aus dem Rückbau kerntechnischer Anlagen zur Bestimmung ihrer Zusammensetzung, Ausgasungsverhalten und thermischen Stabilität vor der Verpackung.
  • Prüfung unter definierten toxischen oder radioaktiven Schutzgasatmosphären: Bestimmung von Zersetzungs- und Reaktionskinetiken in hermetisch abgekapselten Umgebungen, bei denen das Bedienpersonal vor Inhalation oder Strahlung geschützt werden muss.

Engineering-Kompetenz für individuelle Thermoanalyse-Lösungen

Dieses Projekt zeigt exemplarisch, dass innovative Thermoanalyse weit über die Anpassung bestehender Systeme hinausgeht. Entscheidend war nicht allein die Entwicklung eines besonders leichten Ofens, sondern die erfolgreiche Verbindung scheinbar gegensätzlicher Anforderungen: minimale Abmessungen und geringes Gewicht bei gleichzeitig exzellenter Temperaturhomogenität, hohen Heiz- und Kühlraten sowie der für präzise STA-Messungen erforderlichen thermischen Stabilität.

Mit solchen kundenspezifischen Entwicklungen erweitert Linseis die Einsatzmöglichkeiten thermoanalytischer Systeme für Anwendungen, in denen Standardlösungen an ihre Grenzen stoßen.

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